Presseartikel
In einer Männer-Domäne durchgesetzt
Die langjährige Geschäftsführerin von GÜNTHER Heisskanaltechnik, Siegrid Sommer und Ihre Nachfolge, Dr. Stefan Sommer, im Interview mit Kunststoff Magazin.
Eine Ära geht zu Ende: Siegrid Sommer, langjährige Geschäftsführerin von GÜNTHER Heisskanaltechnik, wurde im März in einem bewegenden Abend voller Wertschätzung feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Sie hat sie sich in einer Männer-Domäne durchgesetzt und das Unternehmen geprägt. Nun übernimmt ihr Sohn Dr. Stefan Sommer das „geschäftliche Erbe“. Ein Anlass, um mit Siegrid Sommer einen Blick zurück auf 39 Jahre GÜNTHER Heisskanaltechnik zu werfen.
Sie wechseln nach 20 Jahren Geschäftsführung in den Aufsichtsrat von GÜNTHER Heißkanaltechnik. Welche Ziele haben Sie für Ihre neue Rolle?
Siegrid Sommer:
Über die Gesellschafterverträge ist bei GÜNTHER Heißkanaltechnik die Nachfolge seit vielen Jahren bereits geregelt. Dabei muss man wissen, dass sich das Unternehmen im Grunde selbst gehört. Nach wie vor ist Herbert Günther Hauptanteileigner des Unternehmens, wobei seine Anteile irgendwann an die Firma fallen werden. Dann haben verdiente Geschäftsführer die Möglichkeit, eigene Anteile zu erwerben und sich damit einzukaufen.
Im Gesellschaftervertrag steht auch, dass ich mit meinem 65. Lebensjahr als aktive Geschäftsführerin automatisch ausscheide und in den Beirat wechsle. Der Beirat ist für die strategische Ausrichtung von GÜNTHER Heißkanaltechnik zuständig. Turnusmäßig in jedem Quartal wird dann der Geschäftsführer, also jetzt Stefan (Sommer) uns Rede und Antwort zur Unternehmensentwicklung stehen.
Wenn meine Expertise erwünscht sein sollte, stehe ich natürlich zur Verfügung. Aber ich habe mir fest vorgenommen, mich nicht aufzudrängen und ungefragt gute Ratschläge zu geben.
Worauf freuen Sie sich besonders?
Siegrid Sommer:
Zunächst einmal freue ich mich, wieder mehr Zeit mit meinem Mann verbringen zu können. Ihm habe ich viel zu verdanken, im Grunde hat er die Erziehung unseres Sohnes fast allein gestemmt. Und ich denke, er hat es ganz gut hingekriegt. Nun freue ich mich drauf, dass wir vieles gemeinsam machen können; und das hoffentlich noch viele, viele Jahre in Gesundheit.
Wir haben ein großes Grundstück, das ist sicherlich in all den Jahren zu kurz kommen. Da wir unseren Garten selbst bewirtschaften, wartet da genug Arbeit auf mich. Ich habe vor vielen Jahren mal angefangen, Golf zu spielen und habe ich aufgrund meiner mangelnden Zeit es nie geschafft, über das Platzreife-Handicap hinauszukommen. Ich denke, dass wir, also mein Mann und ich, dies sicherlich wieder aufleben lassen.
Und dann bin ich noch als ehrenamtliche Richterin auf dem Arbeitsgericht sowie dem Sozialgericht tätig sowie Mitglied im Stiftungsverein eines international agierenden Technologiekonzerns. Es wird mir also mit Sicherheit nicht langweilig.
Gibt es Aspekte aus dem operativen Tagesgeschäft, die Sie vielleicht vermissen werden?
Siegrid Sommer:
Das eigentlich faszinierende an einem mittelständischen Familienunternehmen ist, dass man in der Geschäftsführung Einblick in alle Bereiche hat. Und das ist, muss man ganz offen sagen, eine große, manchmal anstrengende Herausforderung, weil man am Ende wirklich für jeden Aspekt verantwortlich ist. Ich will nicht sagen, dass ich unbedingt der Fachexperte in jedem Detail bin, aber zumindest der Ansprechpartner für alle.
Ich kann mich in der Technik einbringen und daher aktiv unsere Produkte mitgestalten. Im Vertrieb kann ich beim Kunden vor Ort sein und natürlich auch in der Personalführung meine Kolleginnen und Kollegen auf ihrem persönlichen Karriereweg begleiten. Das hat mir immer sehr viel Freude bereitet, auch weil man sieht, dass man Dinge bewegen kann.
Rückblickend auf Ihre Zeit als Geschäftsführerin bei GÜNTHER Heißkanaltechnik, welche Herausforderungen haben Sie gemeistert und welche Erfolge erzielt? Oder gab es etwas, das gar nicht funktioniert hat?
Siegrid Sommer:
Da ist sicher einiges zu nennen. Sicherlich die ersten Entwicklungsschritte zu den Dickschicht-Heizern. 1999 traf Herbert Günther auf der Hannover Messe ein Institut, welches mittels eines Siebdruckverfahrens eine Dickschicht-Heizung hergestellt hatte. Diese wurde genutzt, um Herdplatten zu beheizen. Die Idee hat ihn nicht mehr losgelassen. „Was auf der Fläche geht, muss doch auch rund gehen.“ Wir haben dann mit dem Institut Kontakt aufgenommen und gemeinsam die ersten Entwicklungsschritte gemacht. Und das war schon eine spannende Zeit.
Dann haben wir aber auf einer K-Messe ein Unternehmen aus Amerika gesehen, das eine Dickschicht-Heizung für Heißkanalsysteme ausstellte. Erstaunt dachten wir, dann können wir unser Projekt erst einmal einstampfen. Nach Gesprächen mit dem Unternehmen entschlossen wir uns, die Heizung aus USA zuzukaufen. Doch der Zulieferer hatte Probleme mit der Qualität, was immer wieder zu Reklamationen führte. So haben wir dann die Eigenentwicklung wieder aufgenommen und einen provomierten Mitarbeiter, der auf Dickschicht-Technik spezialisiert war, dafür eingestellt. Zudem haben wir 1,5 Mio. in einen eigenen Reinraum mit Siebtechnik-Anlage und Ofen investiert. Das Resultat kennen Sie als unsere BlueFlow-Heizung. Das war eine spannend und zeigt, dass wenn man den Glauben an die eigene Idee nicht verliert, auch belohnt wird.
Aber die vielleicht größte Herausforderung war weniger technischer Natur. Es war die Herausforderung mich als Frau in einer Männerdomäne zu behaupten. Das war im Jahr 1985 nicht so einfach, das können sie mir glauben. Herr Günther hat mir aber immer den Rücken gestärkt und mir auch gesagt „Das kannst du, und du musst dafür auch nicht studieren.“ Bei meiner Abschiedsfeier haben dann mein Entwicklungsleiter und unser Fertigungsleiter folgende Fragen, die im Laufe der Jahre gestellt wurden, vorgetragen: „Wie kann es sein, dass eine junge Frau, eine ausgebildete technische Zeichnerin, bei ihrer Industriemeister-Prüfung die Benchmark setzt und gleichzeitig ganz nebenbei eine Schwangerschaft austrägt? Wie kann es sein, dass eine Frau nach der Konstruktionsleitung auch die technische Leitung übernimmt und wiederum ein paar Jahre später in die Geschäftsleitung berufen wird?“ Bis heute bin ich eine der wenigen Geschäftsführerinnen in der Branche, die in einem technischen Unternehmen so lange an der Spitze stand. Das ist es, was ich rückblickend als ganz persönliche Herausforderung empfunden habe, und auf die ich stolz bin, sie gemeistert zu haben.
Gibt es bestimmte Werte oder Prinzipien, die Sie während Ihrer Zeit als Geschäftsführerin geleitet haben und die Sie auch weiterhin in Ihrer neuen Rolle verfolgen werden?
Siegrid Sommer:
Werte, die wir haben, zu leben und wichtige Entscheidungen im Team zu erarbeiten, dann nämlich steht auch das Team hinter dir und zwar nicht nur das Team vor Ort, sondern das komplette Unternehmen. Und - bei all unserem Handeln muss der Kunde stets im Mittelpunkt stehen. Ich darf auch die Menschlichkeit nicht verlieren; muss für alle da sein, egal ob Mitarbeiter, Kunde oder Lieferant.
Werte oder Prinzipien, wie ich sie auch Stefan auf dem Weg mitgegeben habe.
In der Branche der Werkzeug- und Formenbauer und im Kunststoff-Spritzgießen sind mehrere Trends zu beobachten: digitale Technologien, Nachhaltigkeit, Automatisierung von Fertigungsprozessen mit Robotern und automatisierten Systemen und der verstärkte Einsatz von KI. Welche langfristigen Strategien sind geplant, um Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit der Firma zu stärken?
Siegrid Sommer:
Oh, das ist eine Frage, die Sie lieber Stefan stellen sollten.
Stefan Sommer:
Wir haben mehrere große Themen vor der Brust, etwa ein großes Digitalisierungsprojekt, bei dem es um eine bessere Programmierung geht, wie etwa die Verzahnung der Konstruktion direkt zum automatisierten Programm. Bei einem solchen Projekt sieht man nicht auf den ersten Blick die Investition, wie beispielsweise in eine neue Maschine oder ein Robotiksystem. Darüber hinaus haben wir noch laufende Forschungsprojekte, die mir sehr am Herzen liegen.
Außerdem wollen wir ein weiteres Standbein für die Firma aufbauen. Heißkanaltechnik hat das Unternehmen in den letzten 40 Jahren groß gemacht, was aber nicht heißt, dass wir mit neuen Produkten nicht noch größer werden können. Und die müssen nicht unbedingt mit Heißkanaltechnik zu tun haben. Grundsätzlich sehe ich, dass sich das Unternehmen diverser aufstellen muss. GÜNTHER Heißkanaltechnik ist bekannt dafür, in Nischen zu arbeiten und ich sehe gerade hier in Europa großes Potenzial für Projekte, die ich in nächster Zeit anstoßen möchte.
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in den kommenden Jahren?
Siegrid Sommer:
Auch diese Frage würde ich gerne an Stefan weitergeben.
Stefan Sommer:
Die Kunststoffbranche erlebt gerade einen großen Wandel. Nachhaltigkeit, genau wie auch Energieeffizienz, sind große Themen. Die Kunststoffbranche wird sich gerade hier in Europa immer stärker auf Spezialanwendung fokussieren, während sich die klassischen Applikationen wie mit unverstärktem Polypropylen mehr in die Niedriglohnländer verlagern werden. Für diese wird auch nicht unbedingt ein Günter Heißkanal benötigt, da bin ich ganz offen. Das heißt, dass wir versuchen, neben unserem europäischen Markt auch andere Regionen der Welt stärker zu erschließen – insbesondere auch den amerikanischen Markt. Dort nehmen langsam Themen wie Nachhaltigkeit und Energieeffizienz Fahrt auf und da können wir mit unseren Blueflow-Lösungen sicher punkten.
Über GÜNTHER Heißkanaltechnik GmbH
GÜNTHER Heißkanaltechnik GmbH ist ein weltweit führender Anbieter von Heiß- und Kaltkanalsystemen für die kunststoff- und silikonverarbeitende Industrie. Mit über 40 Jahren Erfahrung entwickelt GÜNTHER innovative Lösungen, die höchste Effizienz, Prozesssicherheit und Produktqualität gewährleisten. Das Unternehmen bietet sowohl modulare Standardsysteme als auch maßgeschneiderte Speziallösungen für eine Vielzahl von Branchen, darunter Automotive, Elektronik, Medizintechnik, Verpackung und Konsumgüter.
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Ltg. Anwendungstechnische Beratung und Vertrieb
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